Lise Davidsens Fidelio an der Met: Ein Genussfeuerwerk der Sinne und eine Stimme so göttlich wie der Freiheit süßeste Versuchung

16. März 2025

Rubrik Oper

©Karen Almond / Met Opera New York

Ist es tatsächlich nur wegen Lise Davidsen, dass mir das Opernvergnügen von Beethovens einziger Oper Fidelio in einer Kino Live-Übertragung der Metropolitan Opera so kurzweilig erscheint?

 

Nun gut, ein Zweiakter ist es, der sich wahrlich nicht so wahnsinnig in die Länge zieht. Und dennoch:

 

Wer den ersten Akt kennt, weiß um das viele handlungsarme Geplänkel, das sich im Vorwege seinen großen Spannungsmoment erst mühselig erarbeiten muss, bis dass es im 2. Akt dann so richtig zur Sache gehen kann.

 

Von Nicole Hacke

 

Doch genau mittendrin im Geschehen eines Gefängnisalltags im Amerika der 50er Jahre, baut sich von Anfang an ein packender Spannungsbogen auf, der großartigen bis ins Detail liebevoll ausgearbeiteten Inszenierung sei Dank.

 

Dunkel, trostlos und vor allem hoffnungslos wirken die kalten Stahlkonstruktionen, hinter denen sich die einzelnen Gefängniszellen befinden.

 

Von überall gähnt einem eine unheimliche Düsternis entgegen. Hier sein Dasein zu fristen, an diesem klaustrophobischen Ort des Vergessens, muss doch absolut an einem nagen.

 

Da bildet der fröhliche Gesang der Marzelline, die sich schwer verliebt in den Gefängniswärter-Gehilfen Fidelio, Hoffnung auf dessen Zuneigung und Liebe macht, einen stark blumigen Kontrast zum eintönigen Alltag.

 

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

Adrett, lieblich und überaus reizend passt das junge Mädchen mit dem lippenstiftroten Kleid so gar nicht in die grauschwarze Welt, in der sie dennoch sehnsuchtsvoll und voller Optimismus einer jungen, zart knospenden Liebe entgegenfiebert, nicht wissend, dass sich hinter der Maskerade des Fidelio Leonore auf die Suche nach ihrem verschollenen Mann Florestan wagt - und das "inkognito" unter falschem Namen und als Mann verkleidet.

 

Politisch aufgebauscht wird das packende Drama um Hoffnung, Liebe und Freiheit nur im zweiten Akt hochbrisant. Dann aber mit geballter Intensität, insbesondere zum guten Ende hin, nämlich just in dem Moment, als alle Gefängnisinsassen befreit sind und der Direktor am Strick aufgehängt zur Rechenschaft gezogen wird.

 

Ja, um die Freiheit, um die unantastbaren Rechte des Menschen geht es in Beethovens einziger Oper, die dieser Tage nicht aktueller sein könnte.

 

Herrlich inszeniert taucht man in diese fantastische Wiederaufnahme ein, die einen von der ersten bis zur letzten Sekunde nicht loslässt, wohl auch, weil eine besonders exquisite Cast, dem Freiheitswerk eines revolutionären Geistes so viel Esprit und Leben einhaucht, dass man einfach gebannt am sich fortspinnenden Handlungsstrang dranbleibt.

 

Ganz besonders beeindruckt die interpretatorische Darstellung der norwegischen Sopranistin Lise Davidsen, die sich so tief in ihren Rollencharakter versenkt, dass die Gefühle, die Verzweiflung, die Hoffnung und das Bangen um ihren Mann Florestan ausgesprochen intensiv und geballt auf den Zuhörer überschwappen.

 

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

Eine liebende Ehefrau, die auf der Suche nach ihrem verschollenen Mann alles wagt, jedes Risiko eingeht, um nur in die Nähe des Geliebten zu gelangen.

 

Schauspielerisch von Null auf Hundert und auch gesanglich auf den Punkt genau, erlebt man die Norwegerin mit so viel Verve, Feuer und Leidenschaft am Werk.

 

Ihre Stimme hat etwas Rauschhaftes, zuweilen Sanftes und bewegt die Gefühle dennoch mit so viel Strahlkraft, emotionaler Tiefe und einer Sensibilität, die sich über das ganze Auditorium der Met bis in die letzte Reihe des Kinosaales erstreckt. 

 

Dieses vokale Ausdrucksvermögen, diese irisierenden Klangfarben, die wie gemalt, bildschön und berührend zart zugleich, Herzen erweichen.

 

Ganz ehrlich: Mittlerweile habe ich Lise Davidsen in so vielen verschiedenen Rollen und auch in Verdi und Puccini Opern  erlebt und komme doch zu dem Schluss, dass das deutsche Fach einfach unbestritten voll ihr Ding ist.

 

Davidsens Stimme lebt auf, pulsiert, erstrahlt und ist randvoll angefüllt mit so viel Verve und einem klanglichen Farbenreichtum, dass man sie in Strauss, Wagner und eben auch Beethoven einfach lieben muss.

 

Traumhaft sonor und satt erklingt auch die Stimme des Bassisten Réne Pape, der als Weltstar gefeiert, an diesem Abend einen ebenso "Weltklasse-Rocco" abgibt.

 

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

Seine Sorge um den scheinbar politisch gefährlichen Florestan, der tief in den Katakomben des Gefängnisses gefangen gehalten wird, wirkt echt.

 

Warmhölzern dringt sein kraftvoller Bass vollmundig und dennoch weich in das Auditorium, beziehungsweise über die Kinoleinwand.

 

Weltklasse singt sich auch die niedliche Ying Fang als Marzelline in die Herzen des Publikums.

 

Ihr ästhetisch anmutiger Sopran schwingt sich leicht und duftig in die obersten aller Obertöne, flexibel, biegsam und mit einem eleganten Schmelz versehen, dass es im Gehörgang angenehm kitzelt.

 

Besonders überrascht auch David Butt Philip als Florestan, bei dem zwar im ersten Anlauf das "Gott" "crescendierend" etwas spät zündet.

 

Doch dann legt der Brite aus Somerset so richtig los, kommt in Fahrt und brilliert mit einem so feinen, eleganten und hellschimmernden Tenor, dass man sich kaum noch an dieser Stimme satthören kann.

 

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

Beeindruckend ist vor allem sein schauspielerisches Talent, das durch überzeugende Dramatik und Charakterdarstellung glänzt.

 

Noch mehr fasziniert dabei seine perfekte Diktion, jedes Wort klar und deutlich über den Gesang zu artikulieren. Denn das ist normalerweise für einen Nicht-Muttersprachler eine immens große Hürde.

 

David Butt Philip jedoch überzeugt mit einer Textverständlichkeit, die einen umhaut. Wow! Dieser Tenor hat Format, Strahlkraft und Ausdrucksvermögen. Gerne sieht und hört man ihn auf der Bühne agieren.

 

Bassbariton Tomasz Konieczny, der sich als böser Don Pizarro keine Freunde macht, besticht ebenfalls durch sein fesselndes Schauspiel und sein ozeanisch opulentes Stimmmaterial. Ausdrucksstark, kraftvoll und explosiv gestaltet er seine Rollenpartie, die ihm auf den Leib geschneidert scheint.

 

©Karen Almond / Met Opera New York

©Karen Almond / Met Opera New York

Bleibt noch das eindrückliche Dirigat von Susanne Mälkki, die der Musik Beethovens einen revolutionären Unterton verpasst und mit so viel Leidenschaft, Explosivität und fesselndem Ausdruck einen lebendigen Klangteppich zaubert, dass man elektrisiert am Taktstock der Finnin hängen bleiben möchte, wären da nicht die Darsteller auf der Bühne, die schnell das Handlungsruder übernehmen.

 

Fidelio an der Met, ein fesselndes, elektrisierendes und packendes Freiheitsdrama, das an der Zuversicht und Liebe nicht spart. Einfach umwerfend schön!

 

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