08. August 2022
Rubrik Konzert
©Marco Borelli
Lieder sind eine ganz intime Sache, die, wenn sie gesungen, idealerweise bei Hauskonzerten oder in überschaubaren Konzertsälen vor einem kleineren Publikum ihren Mittelpunkt finden sollten.
Schwierig wird es erst dann, wenn sich Veranstalter auf das Experiment der überdimensionierten Konzerthallen einlassen und wie just bei den Salzburger Festspielen gleich einen großen Saal für mehr als 2000 Besucher für den Tenor der Tenöre buchen.
Dass der sich aber nicht vor großen Sälen fürchtet und auch gerade dort das Kunstlied zu singen vermag, liegt wohl daran, dass es sich bei dem Künstlerinterpreten um keinen Geringeren als Startenor Jonas Kaufmann handelt.
Mit seinem Liedbegleiter Helmut Deutsch und einem bunt durchmischten Liedrepertoire, das sich von Schumann und Schubert über Brahms, Tschaikowski und Strauss bis hin zu Liszt erstreckt, gewinnt der nachmittägliche Ausflug in das Reich des lyrischen Schöngesangs an Kontur, Strahlkraft und sogar an hoch konzentrierter Intimität.
Ob das wohl an der unvergleichlichen Ausstrahlung oder aber an der stimmlich gewaltigen Stentorkraft des Ausnahmekünstlers liegen mag?
©Marco Borelli
©Marco Borelli
Fakt ist: Der Mann kann nicht nur Hallen mit Menschen, sondern eben auch mit seiner Stimme füllen. Und noch mehr kann der Charismatiker sein Publikum vollends in den Bann ziehen und für sich vereinnahmen - und das auf eine so nahbare, authentische und emotional vielschichtige Art, dass sich das Kunstlied aus seiner distanziert elitären Haut schält und zum volksnahen Evergreen der romantischsten aller Liedgattungen heranreift.
Tatsächlich setzt das immer weniger populäre Kunstlied zu einem Quantensprung der Aktualität an, wenn Jonas Kaufmann sich seiner Interpretation annimmt. Textverständlich, gefühlsbetont und auf dem Boden der Menschlichkeit geblieben, singt der Barde mit der tiefbaritonal eingefärbten Vokaltextur jedes Lied so, als würde sein Leben daran hängen, so als würde er es geradewegs für die Liebste singen und nicht für die breite Masse im Auditorium.
Unbestritten liegt Kaufmann diese hohe Kunst wie keinem anderen Liedinterpreten, auch wenn am heutigen Nachmittag die Kehle des Vollblutmusikers zuweilen etwas kratzig im Anschlag auf den Stimmbändern zu kleben scheint.
Doch das tut der Gesamtdarbietung keinen nennenswerten Abbruch. Stimmtechnik und emotionale Versatilität vereinen sich auf das Ausgewogenste miteinander.
Und so durchlebt das Publikum zusammen mit Herrn Kaufmann die unterschiedlichsten emotionalen Aggregatzustände. Freud und Leid liegen dabei genauso dicht beieinander wie es der Sehnsucht und der Liebe vielerlei Facetten gibt.
©Marco Borelli
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Aller emotionalen Register kann sich Jonas Kaufmann so inniglich, warmherzig und beseelt bedienen, dass man wirklich zuhört, verinnerlicht und begreift, dass sich an den Empfindungen der damaligen Liedkomponisten bis dato nicht viel geändert hat.
Man liebt noch immer, man leidet noch immer und man sehnsüchtelt ebenfalls immer noch - und zwar genauso intensiv und in einer unverstellten Zeitlosigkeit, wenn auch nicht so offensichtlich romantisierend, wie es sich eben in der 200 Jahre alten Musikpoesie ausdrückt.
Erfrischend neu klingt es eben auch nur dann, wenn man versteht, wie man sich das Kunstlied so passgenau auf den eigenen Leib schneidern kann, dass es letztendlich zu einem personalisierten Alleinstellungsmerkmal, ja zu einer ganz individuellen ID wird.
In "Die Glocken von Marling" kristallisiert sich letzteres Phänomen ganz eindeutig heraus.
Während noch der dumpfe Hall des glockentönenden Gebimmels Pianissimo verebbt und Helmut Deutsch aus dem Introduktionsmodus in untermalende Klangwelten entgleitet, setzt Jonas Kaufmann mit leiser Intonation zu einer stillen, sanft fließenden Innigkeit an, die über samtig wogende Legatissimi in einem ebenso zarten "Behütet mich gut" mündet.
Von betörender Intensität, leise und dennoch so textverständlich akkurat auf den Punkt, dass auch der Letzte in der entferntesten Reihe des Saales andächtig lauscht, mäandert die Stimme ozeanisch ausufernd in die Horizontweiten sphärischer Tonalwelten.
©Marco Borelli
©Marco Borelli
Mit Jonas Kaufmann wird man gesanglich auf Händen getragen. Es ist ein Schwebezustand, wenn die leisen Töne überhand nehmen und lediglich aus der Stille des Raumes die Kraft schöpfen, die es braucht, um aus dem Nichts eine intensivst spannungsgeladene tönende Luft zu erzeuge - geballt, kondensiert und von undurchdringlicher Substanz.
Schwärmerisch und eruptiv lodernd wird es in Schumanns "Widmung". Plötzlich braust das Temperament des Sängerdarstellers auf, emotionale Temperaturen köcheln hoch. Ausgiebig, kraftvoll und mit brustsprengend arioser Attitüde schaukelt sich das stürmische Liebesbekenntnis vokal satt und farbenreich nahezu grenzensprengend in unbändige Leidenschaften hoch.
Nachdem der Hauptprogrammteil mit Franz Liszts "Loreley" zu Ende geht und sich der Tenorissimo kaum vor dem frenetisch applaudierenden Publikum erwehren kann, müssen noch fünf Zugaben herhalten, damit auch der letzte Zuhörer musikalisch gesättigt und zufrieden nach Hause gehen kann.
Mit der Rausschmeißernummer "Guten Abend, gute Nacht" von Johannes Brahms wird Jonas Kaufmann zwar noch niemanden sofort in den Schlaf wiegen können, doch selig und süß schläft man zu späterer Stunde irgendwann ein und träumt vielleicht noch mal von einem wirklich traumhaften Liederabend.
Mit einer Mischung aus hoffnungsvollen Erwartungen und ebenso leisen Bedenken, dass er vielleicht doch noch nicht fit genug für sein Konzert sein könnte, fiebert das Publikum der Bayerischen Staatsoper am heutigen Festspielabend auf den Auftritt des genesenen Jonas Kaufmann hin.